Das US-Nachrichtenmagazin „60 Minutes“ bekommt nach mehreren prominenten Abgängen eine neue Besetzung. CBS News gab am Dienstag bekannt, dass der konservative „New York Times“-Kolumnist Ross Douthat als Korrespondent hinzukommt. Der Autor Sebastian Junger, die Dokumentarfilmerin Gianna Toboni und der CBS-Journalist Trevor Phillips werden als freie beziehungsweise zusätzliche Mitarbeiter eingebunden. Norah O’Donnell soll künftig ebenfalls stärker für die Sendung arbeiten. Sie treffen auf die verbliebenen Korrespondenten Lesley Stahl, Bill Whitaker und Jon Wertheim. Der neue Executive Producer Nick Bilton präsentierte die Personalentscheidungen in einer Mitteilung an die Redaktion.
- Ross Douthat wird Korrespondent von „60 Minutes“.
- Sebastian Junger, Gianna Toboni und Trevor Phillips kommen als Contributors hinzu.
- Norah O’Donnell übernimmt eine größere Rolle in der Sendung.
- Lesley Stahl, Bill Whitaker und Jon Wertheim bleiben dem Format erhalten.
Neue Stimmen ergänzen drei erfahrene Korrespondenten
Mit den Neuzugängen setzt CBS bewusst auf unterschiedliche journalistische Profile. Douthat schreibt in der Meinungsredaktion der „New York Times“ und ist zudem als Interviewer und Podcaster tätig. Zu seinen Gesprächspartnern gehörten US-Vizepräsident J.D. Vance, die Richterin Amy Coney Barrett und der Unternehmer Peter Thiel.
Junger ist als Autor von Büchern wie „The Perfect Storm“ und „Tribe“ bekannt. Er berichtete über Konfliktregionen und begleitete US-Infanteristen für den Dokumentarfilm „Restrepo“. Damit bringt er Erfahrungen mit erzählerischen Langformaten und Kriegsreportagen in die Redaktion ein.
Toboni arbeitete als leitende Korrespondentin für Vice News und war an Dokumentationen für HBO, Showtime und VICE beteiligt. Zu ihren Themen zählten politische Korruption in Mexiko sowie unnötige gynäkologische Operationen an Migrantinnen in Gewahrsam der US-Einwanderungsbehörde ICE. Phillips, ein früherer britischer Politiker, war bereits zum Senior Global Affairs Correspondent von CBS News ernannt worden.
Die Personalwahl verbindet damit klassische Reportage-Erfahrung mit Stimmen, die bislang vor allem über Bücher, Podcasts, Dokumentarfilme und Meinungsspalten ein Publikum erreicht haben.
Der Umbau stellt die journalistische Identität auf die Probe
Die Verpflichtungen sind Teil einer größeren Neuordnung unter CBS-News-Chefredakteurin Bari Weiss. Sie holte Bilton im Mai als neuen Executive Producer. Im Zuge der Umstrukturierung mussten dessen Vorgängerin Tanya Simon sowie die Korrespondentinnen Sharyn Alfonsi und Cecilia Vega gehen. Scott Pelley schied nach einem Konflikt mit Bilton aus; Anderson Cooper hatte die Sendung bereits zuvor verlassen.
Gerade Douthats Wechsel ist für „60 Minutes“ ungewöhnlich. Das Format ist vor allem für faktenorientierte, investigative Berichte und ausführliche Porträts bekannt, während Douthat bislang als politischer Kommentator profiliert ist. Weiss will nach eigener Darstellung ein breiteres Spektrum der politischen Auseinandersetzungen in den USA abbilden.
Für CBS bedeutet der Umbau deshalb mehr als einen Austausch von Gesichtern: Er ist ein Test dafür, ob sich meinungsstarke und plattformübergreifend bekannte Journalisten in die berichtende Tradition von „60 Minutes“ einfügen lassen.
Die Neuausrichtung erfolgt allerdings nicht aus einer Position fehlenden Publikumsinteresses. In der jüngsten Staffel stieg die Gesamtzahl der Zuschauer laut den vorliegenden Angaben um neun Prozent. Damit muss die neue Führung zugleich ein funktionierendes Fernsehpublikum halten und Menschen erreichen, die Nachrichten eher über digitale Angebote konsumieren.
Auch für die deutsche Medienbranche ist dieser Versuch relevant: Er zeigt exemplarisch, wie ein etabliertes lineares Nachrichtenformat auf die Verlagerung der Mediennutzung zu Podcasts, Streaming und unabhängigen Plattformen reagieren kann. Entscheidend wird sein, ob neue Reichweite gewonnen werden kann, ohne dass die journalistische Trennlinie zwischen Kommentar und Recherche unschärfer wird.
Die neue Besetzung muss sich im Langformat beweisen
Die unmittelbare Aufgabe der Neuzugänge besteht darin, ihre Erfahrungen auf die typische Form der Sendung zu übertragen. Beiträge bei „60 Minutes“ laufen im Fernsehen häufig zwölf bis 13 Minuten – deutlich länger als viele digitale Nachrichtenclips. Bekanntheit aus Podcasts oder Meinungsspalten garantiert daher noch nicht, dass das Publikum auch ausführlichen Fernsehreportagen folgt.
Das Team bereitet sich nun auf die Herbststaffel vor; neue Folgen starten üblicherweise im September. Dann dürfte sich zeigen, wie stark Douthat, Junger, Toboni, Phillips und O’Donnell das Erscheinungsbild der Sendung tatsächlich verändern und wie ihre Arbeit neben den langjährigen Korrespondenten Stahl, Whitaker und Wertheim wirkt.
Passt die neue Mischung aus Kommentatoren, Autoren und Dokumentarjournalisten zu „60 Minutes“ – oder gefährdet sie den bisherigen Charakter der Sendung? Teilen Sie Ihre Einschätzung.






























