Die US-Wetterbehörde NOAA hat vor einem möglicherweise sehr starken El Niño gewarnt: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Wetterphänomen vor Ende 2026 entsprechend intensiviert, liege bei 63 Prozent. Eine solche Entwicklung könnte nach Einschätzung der Behörde mit den schwersten Episoden seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1950 vergleichbar sein. Besonders gefährdet ist Südostasien, wo Dürren, Überschwemmungen und Torfbrände Landwirtschaft und Lieferketten belasten können. Forschende untersuchen deshalb zwei sehr unterschiedliche Ansätze: KI-gestützte Auswertung von Satellitendaten zur Vorsorge und eine gezielte Aufhellung von Wolken über dem Pazifik.
- Die NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken El Niño vor Ende 2026 auf 63 Prozent.
- KI kann Satellitenbilder mit Wetter-, Boden- und Vegetationsdaten zu regionalen Risikokarten verbinden.
- Eine Modellstudie zur künstlichen Wolkenaufhellung zeigte mögliche unerwünschte Erwärmung in Europa und Asien.
- Die für eine solche Intervention benötigte Technik ist noch nicht einsatzbereit.
El Niño bedroht Ernten und internationale Lieferketten
El Niño bezeichnet die warme Phase des El-Niño-Southern-Oscillation-Zyklus. Dabei erwärmt sich die Meeresoberfläche im östlichen tropischen Pazifik, was Niederschläge und Temperaturen weit über die Region hinaus verändern kann. Zu den möglichen Folgen gehören trockenere Bedingungen in Australien, feuchtere Winter in Ostafrika und eine insgesamt höhere globale Temperatur.
Wie weit die Auswirkungen reichen können, zeigt die starke Episode von 1997/98. Sie löste in Afrika, Lateinamerika, Nordamerika und Südostasien schwere Überschwemmungen und Dürren aus. Schätzungsweise 22.000 Menschen starben, die wirtschaftlichen Schäden lagen bei mehr als 36 Milliarden US-Dollar.
Auch die Ernährungssicherheit steht im Mittelpunkt. Die Weltbank warnte, El Niño könne die Reisproduktion in betroffenen Regionen um 20 bis 50 Prozent verringern. Die UN-Ernährungsorganisation FAO zählt neben Südasien auch die Sahelzone, das südliche Afrika, Südostasien und den zentralamerikanischen Trockenkorridor zu den besonders gefährdeten Regionen.
Für Verbraucher und Unternehmen in Deutschland bedeutet das: Ein Wetterphänomen im Pazifik kann über Lebensmittelpreise, Rohstoffversorgung, Versicherungsrisiken und internationale Lieferketten auch in Europa spürbar werden.
2>SpaceAI soll aus Klimadaten konkrete Warnungen machen
In Südostasien mangelt es nicht grundsätzlich an Beobachtungsdaten. Satelliten, Wetterstationen, Klimamodelle und regionale Einrichtungen wie das ASEAN Specialized Meteorological Centre in Singapur überwachen Umweltbedingungen und grenzüberschreitenden Dunst. Schwieriger ist es, aus dieser Informationsmenge rechtzeitig lokale Entscheidungen abzuleiten.
Hier setzt das als „SpaceAI“ bezeichnete Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz, satellitengestützter Erdbeobachtung, Cloud-Computing und Datenanalyse an. KI-Modelle können Satellitenaufnahmen mit Wettervorhersagen, Bodenfeuchtigkeit und dem Zustand der Vegetation verknüpfen. Daraus lassen sich Risikokarten erstellen, die etwa besonders brandgefährdete Torfgebiete ausweisen.
Forschende haben dafür bereits Daten zu Torftiefe, Gelände, Vegetation, Niederschlag und Infrastruktur mit Satelliteninformationen kombiniert. Eine Untersuchung in der indonesischen Provinz Riau identifizierte mithilfe von Weltraumdaten und maschinellem Lernen den Grundwasserspiegel als wesentlichen Faktor für das Brandrisiko.
Das bedeutet für Behörden: Der entscheidende Nutzen der KI liegt nicht in zusätzlichen Daten, sondern in früheren und räumlich genaueren Hinweisen darauf, wo vorbeugendes Handeln am dringendsten wäre.
Künftig könnte ein Teil der Auswertung direkt an Bord von Satelliten stattfinden. Statt große Mengen ungefilterter Messdaten zur Erde zu übertragen, würde die KI relevante Beobachtungen auswählen. Ob und wie Behörden solche Systeme tatsächlich in ihre Entscheidungen einbinden, bleibt jedoch entscheidend.
2>Wolkenaufhellung könnte El Niño abschwächen – mit Nebenwirkungen
Einen weit umstritteneren Ansatz beschreibt eine in „Science Advances“ veröffentlichte Modellstudie. Forschende simulierten, ob künstlich aufgehellte Meereswolken über einem großen Gebiet des äquatorialen Pazifiks die El-Niño-Ereignisse von 1997/98 und 2015/16 hätten abschwächen können. Theoretisch könnten Schiffe Meersalz in die untere Atmosphäre sprühen, damit Wolken mehr Sonnenenergie ins All zurückwerfen.
In den Simulationen wirkte die Maßnahme am besten, wenn sie im Juni begann und bis zum folgenden Februar fortgesetzt wurde. Die Modellrechnungen kehrten einen Großteil der Temperatur- und Niederschlagseffekte um. Sie zeigten zugleich unerwünschte Folgen, darunter eine Erwärmung über Europa und Asien.
Die Ergebnisse sind kein Nachweis, dass das Verfahren unter realen Bedingungen sicher oder wirksam wäre. Die benötigten Düsen können bislang nicht annähernd genug Meersalz versprühen; selbst mit geeigneter Technik wären nach Angaben der Studie ungefähr 2.400 Schiffe erforderlich. Langfristige Auswirkungen einer wiederholten Unterdrückung von El Niño wurden zudem nicht untersucht.
Während SpaceAI bestehende Daten für Vorsorge nutzbar machen soll, würde die Wolkenaufhellung aktiv in das Klimasystem eingreifen – und damit Risiken über weit entfernte Regionen verteilen.
Sollten Regierungen vor allem in bessere KI-Warnsysteme investieren, oder halten Sie auch Forschung an gezielten Klimaeingriffen für vertretbar?






























