Adam O’Neal verlässt nach gut einem Jahr an der Spitze des Meinungsressorts die Washington Post. Sein letzter Arbeitstag werde der 31. August sein, teilte O’Neal der Belegschaft in einem internen Schreiben mit. Einen Nachfolger hat die Zeitung noch nicht benannt. Der frühere Korrespondent des Economist war geholt worden, um den von Eigentümer Jeff Bezos vorgegebenen Umbau des Ressorts umzusetzen: Kommentare und Leitartikel sollten sich ausdrücklich an den Leitideen persönlicher Freiheiten und freier Märkte orientieren.
- Adam O’Neal gibt die Leitung des Meinungsressorts am 31. August ab.
- Ein Nachfolger für den scheidenden Ressortchef steht noch nicht fest.
- O’Neal hatte den von Jeff Bezos angestoßenen Kurswechsel der Meinungsseiten umgesetzt.
- Die Washington Post hatte zuvor ein Drittel ihrer Belegschaft abgebaut.
O’Neal bezeichnete seine Entscheidung als nicht einfach, zog in seiner Mitteilung aber eine positive Bilanz. Das Ressort sei während seiner Amtszeit relevanter, zugänglicher und wirkungsvoller geworden. In seinen ersten sechs Monaten hätten die Nutzer ihre im Meinungsbereich verbrachte Zeit mehr als verdoppelt; die Seitenaufrufe seien im Jahresvergleich dreistellig gewachsen. Auch die Zahl begonnener Abonnements und die Zugriffe über Suchmaschinen hätten zugelegt.
O’Neals Abschied lässt vorerst offen, wer den politisch umstrittenen und zugleich wirtschaftlich wichtigen Kurs des Meinungsressorts fortführen soll.
Bezos hatte dem Ressort eine klare Linie vorgegeben
Bezos kündigte Anfang 2025 an, die Meinungsseiten sollten täglich zwei Grundsätze verteidigen: persönliche Freiheiten und freie Märkte. Andere Themen könnten weiterhin behandelt werden, Positionen gegen diese beiden Leitideen sollten jedoch anderen Publikationen überlassen bleiben. Parallel zu dieser Neuausrichtung schied der damalige Meinungschef David Shipley aus.
Die Vorgabe löste Kritik aus. Martin Baron, ein früherer Chefredakteur der Washington Post, sah darin einen Widerspruch zur Tradition redaktioneller Unabhängigkeit. Er beanstandete, dass ein Eigentümer zwar persönliche Freiheit vertrete, in seinem eigenen Meinungsressort aber abweichende Positionen ausschließe.
Zeitungseigentümer können die grundsätzliche Ausrichtung von Kommentarseiten bestimmen. Diese Seiten sind üblicherweise vom nachrichtlichen Teil getrennt, in dem Berichte nach journalistischen Kriterien recherchiert und redigiert werden. Dennoch berührt eine ausdrücklich festgelegte Meinungslinie die öffentliche Wahrnehmung der gesamten Marke. Für die Washington Post bedeutet die anstehende Personalentscheidung deshalb mehr als einen gewöhnlichen Wechsel an der Spitze eines Ressorts.
Der Führungswechsel fällt in eine Phase umfassender Kürzungen
Der kommissarische Verleger und CEO Jeff D’Onofrio würdigte O’Neals Arbeit. Nach seiner Darstellung sei der Meinungsbereich ausgewogener, finanziell tragfähiger und für Leser zugänglicher geworden. In den kommenden Wochen solle die Übergabe der Ressortleitung organisiert werden.
Der Wechsel erfolgt vor dem Hintergrund umfassender Einschnitte bei der Washington Post. Die Zeitung baute zuvor ein Drittel ihrer Belegschaft ab, stellte ihre Buchberichterstattung ein und verkleinerte unter anderem die Lokal- und Auslandsredaktionen. Das Unternehmen begründete die Kürzungen damit, finanziell auf eine sicherere Grundlage kommen zu müssen.
Für O’Neals Nachfolge bedeutet das, dass publizistische Vorgaben und wirtschaftliche Anforderungen gleichzeitig erfüllt werden müssen.
Welche inhaltlichen Spielräume die nächste Leitung erhält, ist noch nicht bekannt. Fest steht bislang lediglich, dass Bezos’ Leitideen den Umbau geprägt haben und die Unternehmensführung O’Neals Amtszeit ausdrücklich als Fortschritt bewertet.
Sollte ein Zeitungseigentümer die Leitlinien eines Meinungsressorts so konkret festlegen dürfen? Teilen Sie uns Ihre Einschätzung mit.






























