Pilar Larroulet ist Assistenzprofessorin für Strafjustiz an der Rutgers University–Newark und untersucht, wie sich Haft auf weitere kriminelle Aktivitäten auswirkt. In einer neuen Studie analysierte ein von ihr geleitetes Team die Entwicklung von knapp 200 Frauen, die in Santiago de Chile aus dem Gefängnis entlassen worden waren. Verglichen wurden jeweils fünf Jahre vor und fünf Jahre nach der Inhaftierung. Das Ergebnis: Bei den meisten Frauen änderte sich die bereits zuvor geringe Kriminalitätsbeteiligung kaum. Frauen mit einer stärker ausgeprägten kriminellen Vorgeschichte bewegten sich dagegen häufiger schrittweise weg von Straftaten.
- Die Untersuchung umfasst knapp 200 Frauen und einen Beobachtungszeitraum von zehn Jahren.
- Die meisten Frauen waren wegen Diebstahls, Drogenhandels oder Raubes inhaftiert.
- Beschäftigung oder Qualifizierung im Gefängnis waren mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für weniger Straftaten nach der Entlassung verbunden.
Frühere Kriminalitätsmuster beeinflussen die Entwicklung
Die im Journal of Research in Crime and Delinquency veröffentlichte Studie verglich die Zahl der Straftaten vor und nach der Haft. Zusätzlich untersuchte das Team, ob frühere Verhaltensmuster und konkrete Erfahrungen im Gefängnis mit unterschiedlichen Entwicklungen zusammenhingen.
Bei einem Großteil der Teilnehmerinnen blieb die Entwicklung nach der Entlassung auf einem ähnlichen, niedrigen Niveau wie zuvor. Wenn Veränderungen erkennbar waren, führten sie eher zu weniger als zu mehr Kriminalität. Besonders bei Frauen, die vor ihrer Haft stärker in Straftaten verwickelt gewesen waren, zeigte sich eine Bewegung hin zu geringerer Beteiligung.
Die Veränderungen verliefen nach den Ergebnissen nicht abrupt, sondern in mehreren allmählichen Schritten.
Damit widerspricht die Untersuchung der Vorstellung, Haft müsse bei allen Betroffenen denselben Wendepunkt auslösen. Larroulet betont, Gefängnis sei keine einheitliche Erfahrung und könne deshalb auch keine einheitlichen Folgen haben. Dies gelte besonders für Frauen, die aus stark marginalisierten Lebensumständen mit begrenztem Zugang zu Arbeit, Gesundheitsversorgung und Chancen in Haft kamen.
Arbeit und Qualifizierung stechen als Faktoren hervor
Unter den untersuchten Haftbedingungen fiel vor allem der Zugang zu Beschäftigung oder Ausbildung auf. Frauen mit solchen Möglichkeiten hatten nach der Entlassung eine höhere Chance, ihre Kriminalitätsbeteiligung zu verringern. Die Studie beschreibt dabei einen Zusammenhang; daraus allein folgt noch nicht, dass die Angebote den Rückgang unmittelbar verursacht haben.
Für die Bewertung von Haftfolgen bedeutet das: Durchschnittswerte können verdecken, dass verschiedene Gruppen sehr unterschiedlich auf eine Inhaftierung reagieren.
Die Anlage über zehn Jahre ermöglicht es, die Frauen nicht nur zu einem einzelnen Zeitpunkt zu betrachten, sondern ihre Entwicklung vor und nach der Haft gegenüberzustellen. Zugleich beziehen sich die Ergebnisse auf Frauen aus Santiago. Eine direkte Übertragung auf andere Länder oder Strafvollzugssysteme wäre daher nicht automatisch gerechtfertigt.
Auch für die Diskussion im deutschsprachigen Raum ist die grundsätzliche Frage relevant, welche Bedingungen eine Stabilisierung nach der Entlassung begünstigen könnten. Die Ergebnisse legen als Analyse nahe, Beschäftigung und Qualifizierung nicht isoliert zu betrachten: Ihre mögliche Bedeutung hängt offenbar auch davon ab, mit welcher Vorgeschichte Frauen in den Strafvollzug kommen.
Welche Rolle sollten Arbeit und Qualifizierung bei der Vorbereitung auf ein Leben nach der Haft spielen? Teilen Sie Ihre Einschätzung.






























