Gesündere Nutztiere können mehr Milch und Fleisch liefern und länger überleben – doch das Forschungsteam hinter einer neuen begutachteten Untersuchung warnt vor einem einfachen klimapolitischen Schluss. Die ausgewerteten Daten aus Haltungssystemen weltweit deuten darauf hin, dass die Vorbeugung von Krankheiten Wachstum, Fruchtbarkeit und Produktivität verbessern und dabei häufig die Treibhausgasemissionen je Liter Milch oder Kilogramm Fleisch senken kann. Für eine verlässliche Berücksichtigung der Tiergesundheit in der Klimapolitik sei die bisherige Beweislage allerdings noch nicht stark und einheitlich genug. Eine neue internationale Forschungsinitiative soll diese Wissenslücke schließen.
- Krankheitsprävention kann die Emissionen je erzeugter Einheit Milch oder Fleisch verringern.
- In einem Modell für Kenia sank die geschätzte Methanmenge je Kilogramm Rindfleisch bei halbierter Kälbersterblichkeit um 3,2 Prozent.
- Weil mehr Tiere überlebten, nahmen im selben Modell die gesamten Methanemissionen dennoch zu.
- Das Forschungsprojekt Halow soll Tiergesundheitsmaßnahmen in unterschiedlichen Haltungssystemen vergleichen.
„Das ist kein Argument dafür, Kälber sterben zu lassen“, betont das Forschungsteam – vielmehr müssten Ernährungssicherheit, Lebensgrundlagen und Klimawirkung gemeinsam betrachtet werden.
Im Mittelpunkt steht dabei Methan, das Mikroorganismen im Verdauungssystem von Wiederkäuern erzeugen. Einen Großteil dieses sogenannten enterischen Methans atmen die Tiere aus. Wenn eine Kuh dieselbe oder eine ähnliche Menge Methan verursacht, zugleich aber mehr Milch gibt, verteilt sich die Klimawirkung rechnerisch auf eine größere Produktmenge.
Für die Bewertung ist deshalb die Unterscheidung zwischen Emissionsintensität und Gesamtemissionen entscheidend. Erstere beschreibt den Ausstoß je Liter Milch oder Kilogramm Fleisch. Die absolute Menge gibt dagegen an, wie viel Treibhausgas insgesamt in die Atmosphäre gelangt. Eine Verbesserung beim ersten Wert garantiert keine Senkung des zweiten.
Modellrechnungen zeigen den Zielkonflikt besonders deutlich
Für Betriebe im Norden Tansanias berechneten die Forschenden anhand modellierter Daten, wie sich Fehlgeburten bei Rindern auswirken. Demnach erhöhten sie die Emissionen je Kilogramm Milch bei einheimischen Rindern um vier Prozent und bei leistungsstärkeren Tieren um 15 Prozent.
Unter Einbeziehung der Verluste bei Rindern und Ziegen entsprach das geschätzte entgangene Milch- und Fleischprotein dem gegenwärtigen jährlichen Konsum tierischen Proteins von rund 649.000 Menschen in Tansania.
Eine weitere Modellierung befasste sich mit lokalen Fleischrindern im Westen Kenias. Dort starben 16 Prozent der Kälber innerhalb ihres ersten Lebensjahres; die meisten diagnostizierten Todesfälle standen mit Infektionen in Verbindung. Der errechnete Proteinverlust entsprach dem jährlichen Verzehr von Rindfleischprotein durch etwa 4,5 Millionen Menschen in Kenia.
Als die Sterblichkeit im Modell von 16 auf acht Prozent halbiert wurde, sank das enterische Methan je Kilogramm Rindfleisch um 3,2 Prozent – gleichzeitig stieg der gesamte Methanausstoß, weil mehr Kälber überlebten und mehr Fleisch erzeugt wurde.
Halow soll belastbarere Grundlagen für Klimapolitik schaffen
Nach Angaben des Teams beruhen Untersuchungen zu Treibhausgasen aus der Tierhaltung häufig auf Schätzungen und unterschiedlichen Annahmen statt auf direkten Messungen. Auch nationale Emissionsbilanzen arbeiten mit Tierzahlen und standardisierten Werten. Veränderungen bei Milchleistung, Wachstum, Fruchtbarkeit, Sterblichkeit oder dem Bedarf an Ersatztieren werden dadurch nicht immer präzise erfasst.
Das Projekt Halow – kurz für „Health Approaches for Lowering Livestock Emissions“ – soll deshalb untersuchen, unter welchen Bedingungen eine bessere Tiergesundheit tatsächlich Klimavorteile bringt. Die Initiative wird vom Global Methane Hub unterstützt und wurde als internationales Forschungsvorhaben der Global Research Alliance on Agricultural Greenhouse Gases genehmigt. Verglichen werden sollen Maßnahmen, Kosten, Auswirkungen auf die Gesamtemissionen und die Frage, wer von den Eingriffen profitiert. Auch negative Ergebnisse sollen berücksichtigt werden.
Für die Klimadebatte in einkommensstarken Ländern bedeutet das: Effizientere Tierhaltung und eine Verringerung des gesamten Ausstoßes dürfen nicht gleichgesetzt werden. In wohlhabenden Ländern bleibt außerdem die Frage des Konsumniveaus relevant, während in Ländern mit ungleichem Zugang zu vielfältiger Ernährung zugleich Versorgung und Einkommen berücksichtigt werden müssen. Tiergesundheit kann nach Einschätzung des Teams daher nur ein Teil einer umfassenderen Strategie sein und rechtfertigt keine unbegrenzte Ausweitung der Tierbestände.
Sollte Tiergesundheit stärker in Klimabilanzen der Landwirtschaft einfließen, auch wenn dadurch die Gesamtemissionen nicht zwingend sinken? Teilen Sie Ihre Einschätzung.






























