„Unter unseren Füßen ist eine verborgene Gruppe von Gärtnern am Werk“, sagt Kenji Suetsugu, Mitautor einer neuen Übersichtsarbeit zur Samenverbreitung durch Wirbellose. Unter Leitung von Professor Si-Chong Chen von der School of Biological Sciences der University of Hong Kong wertete ein internationales Team weltweite Forschung dazu aus, wie kleine Tiere Samen fressen und später keimfähig wieder ausscheiden. Die im Fachjournal Trends in Plant Science veröffentlichte Analyse erfasst Schnecken, Regenwürmer, Käfer, Grillen und Krabben – und stellt damit den üblichen Fokus auf Vögel und Säugetiere infrage.
- Die Übersichtsarbeit bündelt Ergebnisse aus 43 begutachteten Publikationen.
- Dokumentiert wurden mindestens 51 wirbellose Tierarten und 186 Pflanzentaxa.
- Nachweise stammen aus Ozeanien, Asien, Europa und Nordamerika.
- Die Samen können die Verdauung überstehen und anschließend keimfähig bleiben.
Die Autoren sehen darin keine Ansammlung einzelner Kuriositäten, sondern einen verbreiteten, bislang unterschätzten Teil der Beziehungen zwischen Pflanzen und Tieren.
Ein japanischer Süßwasserkrebs zeigt das verborgene Prinzip
Als besonders anschauliches Beispiel nennt Suetsugu einen Süßwasserkrebs in Japan. Ein einzelnes Tier könne innerhalb einer Nacht mehr als tausend winzige Samen aufnehmen und später in unterirdischen Bauten ablegen. Dort herrsche eine feuchte Umgebung, die Samen vor dem Austrocknen oder dem Fraß durch Nagetiere schützen könne.
Der zugrunde liegende Vorgang wird als Endozoochorie bezeichnet: Samen passieren den Verdauungstrakt eines Tieres und werden an einem anderen Ort ausgeschieden. Bei Wirbellosen sprechen die Forschenden von „invertebrater Endozoochorie“. Während Vögel und Säugetiere Samen häufig über größere Entfernungen transportieren, wirken kleine Bodenbewohner eher auf engem Raum.
Auch kurze Wege können ökologisch relevant sein. Werden Samen vom unmittelbaren Umfeld der Mutterpflanze entfernt, kann dies dort den Konkurrenzdruck verringern. Die Ablage in Erde, Laubstreu oder Bauten kann sie zudem in kleinräumige Standorte bringen, die ihr Überleben begünstigen. In einigen Fällen ritzt oder verändert die Verdauung die Samenschale so, dass die Keimung verbessert werden kann.
Bestimmte Pflanzenmerkmale passen zu kleinen Transporteuren
Die Übersichtsarbeit fasst wiederkehrende Eigenschaften als ein „Syndrom“ der Samenverbreitung durch Wirbellose zusammen. Die betreffenden Pflanzen bilden demnach typischerweise kleine, widerstandsfähige Samen in unauffälligen, matt gefärbten Früchten nahe dem Boden. Solche Früchte sind für bodenlebende Tiere erreichbar, wirken auf Vögel und Säugetiere jedoch möglicherweise weniger anziehend.
Chen führt die bisher geringe Aufmerksamkeit auch auf einen Größenbias zurück. Wirbellose seien gegenüber Säugetieren und Vögeln traditionell als Nebenakteure betrachtet worden. Berücksichtige man jedoch ihre Häufigkeit und die Zahl dokumentierter Wechselwirkungen, könne ihr gemeinsamer Beitrag zu Ökosystemen beträchtlich sein.
Das bedeutet für die Erforschung der Waldregeneration: Wer nur weiträumige Transporte durch Wirbeltiere untersucht, kann wichtige Prozesse direkt am Waldboden übersehen.
Für europäische Ökosystemforschung ist der Befund ebenfalls relevant, da die ausgewerteten Nachweise auch Europa umfassen. Die Studie zeigt allerdings nicht, wie häufig dieser Transportweg in jedem einzelnen Lebensraum vorkommt. Genau diese Häufigkeit sowie die Folgen für Überleben und Keimung der Samen sollen nach Ansicht der Autoren künftig genauer untersucht werden.
Kleine Tiere könnten fragmentierte Wälder stabilisieren helfen
Die Forschenden ersetzen mit ihrem Ansatz nicht die anerkannte Rolle von Vögeln und Säugetieren. Diese bleiben für den Transport über lange Distanzen entscheidend. Wirbellose könnten das System vielmehr durch häufigen Kontakt mit dem Waldboden und eine präzise Ablage auf kleinem Raum ergänzen.
Chen warnt, dass der weltweite Verlust großer Säugetiere und Vögel die Zukunft vieler Pflanzenarten bedrohe. Käfer oder Schnecken könnten Samen zwar nicht kilometerweit tragen, sie aber gezielt in geeignete Kleinstlebensräume bringen. In fragmentierten Landschaften könnten solche Partnerschaften deshalb nach seiner Einschätzung eine zusätzliche Absicherung für die Regeneration darstellen.
Für Renaturierung und Biodiversitätsmanagement folgt daraus zunächst eine Prüfaufgabe, keine fertige Handlungsanweisung: Wechselwirkungen nahe dem Boden müssten systematischer erfasst werden, bevor sich ihr tatsächlicher Beitrag in unterschiedlichen Lebensräumen beurteilen lässt.
Sollten bodenlebende Wirbellose bei Waldschutz und Renaturierung stärker berücksichtigt werden? Teilen Sie Ihre Einschätzung.






























