Aufmerksamkeit auf eine akut entzündete Hautstelle kann die messbare Reaktion des Körpers abschwächen. Zu diesem Ergebnis kommt eine 2026 im Fachjournal „Nature Human Behaviour“ veröffentlichte Studie der Bar-Ilan-Universität in Israel. In drei vorab registrierten Experimenten mit insgesamt 57 gesunden Freiwilligen wurde zunächst eine kleine, vorübergehende Entzündung am Arm ausgelöst. Danach konzentrierten sich die Teilnehmenden entweder auf die betroffene Stelle oder auf etwas anderes. Über 20 Minuten fiel die Entzündungsreaktion bei innerer Aufmerksamkeit bei fast 90 Prozent geringer aus und näherte sich schneller wieder dem Ausgangswert.
- An den drei Experimenten nahmen insgesamt 57 gesunde Freiwillige teil.
- Die Forschenden beobachteten die ausgelöste Entzündungsreaktion jeweils 20 Minuten lang.
- Bei fast 90 Prozent fiel die Reaktion unter Konzentration auf die Hautstelle geringer aus als bei Ablenkung.
Ausgangspunkt war die bekannte Wirkung von Ablenkung
Schon länger ist bekannt, dass Aufmerksamkeit beeinflusst, wie Menschen körperliche Signale wahrnehmen. Wer sich etwa von Schmerzen oder Juckreiz ablenkt, kann diese Empfindungen als weniger intensiv erleben. Das Team um Liron Rozenkrantz untersuchte nun die umgekehrte Frage: Verändert eine bewusste Konzentration auf die betroffene Stelle nicht nur das Erleben, sondern auch die körperliche Reaktion selbst?
Eine akute Entzündung ist grundsätzlich Teil der körpereigenen Reaktion auf schädliche Reize. Dabei werden unter anderem Botenstoffe freigesetzt, die Durchblutung, Wärme, Schwellung und Schmerzen beeinflussen. Das kontrollierte Hautmodell erlaubte es dem Forschungsteam, einen kleinen und zeitlich begrenzten Ausschnitt dieses komplexen Ablaufs zu beobachten.
Die drei Experimente waren präregistriert. Das bedeutet, dass zentrale Teile des Untersuchungsplans vor der Auswertung festgelegt wurden. Dieses Verfahren soll verhindern, dass Fragestellungen erst nachträglich an auffällige Ergebnisse angepasst werden.
Messungen zeigen Unterschiede innerhalb weniger Minuten
Die von Nofar Mizrachi geleitete Untersuchung entstand in Zusammenarbeit mit dem klinischen Immunologen Menachem Rottem. Nachdem die vorübergehende Hautreaktion ausgelöst worden war, sollten die Teilnehmenden ihre Aufmerksamkeit entweder auf die Empfindungen am betroffenen Arm richten oder sich davon abwenden.
Neben dem Verlauf der Entzündung erfasste das Team physiologische Größen wie Herzfrequenzvariabilität, Hauttemperatur und autonome Aktivität. Unterschiede zwischen den Aufmerksamkeitsbedingungen zeigten sich bereits innerhalb weniger Minuten.
Bei Konzentration auf die entzündete Stelle war die Reaktion laut Studie rund 1,5-mal kleiner als unter Ablenkung.
Die Forschenden fanden Hinweise auf zwei sich ergänzende Wege. Einer führte über sensorische Signale aus dem entzündeten Gewebe. Ein zweiter Effekt blieb auch bestehen, als diese Signale mit einer örtlichen Betäubung reduziert wurden. Das spricht nach Einschätzung des Teams für einen zusätzlichen, von der Aufmerksamkeit gesteuerten Top-down-Mechanismus.
Für die Einordnung bedeutet das: Im Versuchsmodell veränderte Aufmerksamkeit nicht lediglich die subjektive Wahrnehmung, sondern war auch mit einer veränderten messbaren Entzündungsreaktion verbunden. Daraus folgt jedoch noch keine Behandlungsempfehlung.
Als Nächstes sollen Hirn- und Immunwege untersucht werden
Die Ergebnisse gelten bislang ausschließlich für gesunde Menschen und eine kontrolliert ausgelöste, akute Hautentzündung.
Ob vergleichbare Mechanismen bei chronischen Entzündungen, Autoimmunerkrankungen, der Wundheilung oder anderen Beschwerden wirken, lässt sich aus den Experimenten nicht ableiten. Ebenso wenig zeigt die Studie, dass Aufmerksamkeit eine medizinische Behandlung ersetzen könnte.
Als nächsten Schritt will das Forschungsteam die beteiligten Hirn- und Immunwege genauer identifizieren. Außerdem soll untersucht werden, ob sich ähnliche Effekte auch in anderen physiologischen Systemen nachweisen lassen.
Welche weiteren Belege wären für Sie nötig, bevor Aufmerksamkeit als ergänzender Ansatz bei Entzündungen geprüft wird?






























