„Das ist ein reales Phänomen“: Mit diesen Worten warnt der Facharzt für Innere Medizin Dr. Spencer Kroll vor möglichen Problemen durch „Proteinmaxxing“, also dem gezielten Maximieren der Eiweißzufuhr. Anlass ist der Erfahrungsbericht eines sportlichen Mannes Mitte 30, bei dem ein Arzt bei einer jüngsten Kontrolle einen erhöhten Harnsäurewert feststellte. Der Wert könne Gicht vorausgehen. Auf Nachfrage gab der Mann an, täglich rund 200 Gramm Protein zu sich zu nehmen. Sein Arzt hielt diese Menge in seinem Fall für zu hoch; eine Gichterkrankung konnte der Betroffene nach eigenen Angaben noch vermeiden.
- Bei einer täglichen Zufuhr von rund 200 Gramm Protein wurde bei dem Mann ein erhöhter Harnsäurewert festgestellt.
- Gicht entsteht, wenn sich infolge erhöhter Harnsäure Natriumuratkristalle in Gelenken bilden.
- In den USA hatten 2016 laut NHANES-Daten 3,9 Prozent der Erwachsenen beziehungsweise 9,2 Millionen Menschen Gicht.
- Fachleute nennen auch Nierensteine und metabolisch bedingten Mundgeruch als mögliche Probleme bei übermäßiger Proteinzufuhr.
Der Arzt bringt 200 Gramm Protein mit dem Laborwert in Verbindung
Der Mann hielt sich zunächst nicht für einen typischen Gichtpatienten: Er trainiert häufig, spielt mehrmals pro Woche Fußball und gibt seinen Körperfettanteil mit rund 15 Prozent an. Gicht werde häufiger mit Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes verbunden; Männer seien viermal häufiger betroffen als Frauen.
Der Bericht nennt allerdings keinen allgemeingültigen Grenzwert: Aus dem Einzelfall folgt deshalb nicht, dass 200 Gramm Protein bei jedem Menschen denselben Effekt hätten.
Gicht ist eine Form der Arthritis. Überschüssige Harnsäure kann zur Bildung von Kristallen in den Gelenken führen und starke Schmerzen verursachen. Kroll zufolge tritt sie klassischerweise an den Zehen auf, kann sich aber auch an anderen Stellen des Körpers zeigen.
Eine mögliche Verbindung zur Ernährung liegt in Purinen. Diese Stoffe kommen unter anderem in rotem Fleisch und bestimmten Meeresfrüchten vor und werden im Körper zu Harnsäure umgewandelt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Protein als Nährstoff allein automatisch Gicht auslöst.
Kroll berichtet von einem Patienten mit starken Beschwerden
Kroll schildert einen weiteren Fall aus seiner Praxis: Ein Patient habe große Mengen Protein konsumiert, um Muskelmasse aufzubauen. Er sei humpelnd in die Praxis gekommen, weil er nicht mehr laufen konnte; sein Harnsäurewert sei extrem hoch gewesen. Neben einem Medikament gegen die akuten Schmerzen habe die Behandlung darin bestanden, die Proteinaufnahme und insbesondere den Fleischkonsum zu reduzieren.
Ernährungsberaterin Kylie King beobachtete nach eigenen Angaben schon vor etwa fünf Jahren, dass Klienten mit sehr hohen Proteinempfehlungen zu ihr kamen. Diese stammten demnach von Personal Trainern oder aus Online-Inhalten. „Proteinmaxxing“ beschreibt die Zuspitzung dieses Ansatzes: Protein soll bei möglichst vielen Gelegenheiten aufgenommen werden.
Die angeführten US-Zahlen geben dem Thema eine Größenordnung, belegen aber keinen ursächlichen Zusammenhang. Von den 9,2 Millionen Erwachsenen mit Gicht im Jahr 2016 waren laut den Daten des National Health and Nutrition Examination Survey 5,9 Millionen Männer. Ob und in welchem Umfang Proteinmaxxing dazu beiträgt, lässt sich aus solchen Prävalenzdaten allein nicht ableiten.
King nennt Nierensteine und Mundgeruch als weitere Risiken
King bringt eine hohe Proteinzufuhr, besonders aus tierischen Quellen, in Kombination mit geringer Flüssigkeitsaufnahme mit Harnsäuresteinen in Verbindung. Kroll verweist außerdem auf Kalziumoxalatsteine, die etwa 80 Prozent aller Nierensteine ausmachen. Sie entstünden nicht direkt durch Protein, Purine oder Harnsäure, könnten aber bei einer überwiegend proteinbasierten Ernährung durch eine zu geringe Kalziumzufuhr begünstigt werden. Eine familiäre Vorbelastung verdoppele das Risiko ungefähr, sagt King.
Auch Mundgeruch kann nach Angaben der Ernährungsberaterin metabolische Ursachen haben und ist nicht zwangsläufig nur ein Zeichen mangelnder Flüssigkeitsaufnahme.
Beim Abbau von Protein entstehen Stickstoff und anschließend Ammoniak. Bei einer übermäßigen Zufuhr könne sich das durch einen entsprechenden Atemgeruch bemerkbar machen. Wird viel Protein mit sehr wenigen Kohlenhydraten kombiniert, produziert der Körper während der Ketose zudem Aceton; King vergleicht den Geruch mit Nagellackentferner.
US-Daten lassen sich nicht direkt auf Deutschland übertragen
Für deutschsprachige Verbraucher ist entscheidend, die Grenzen des Berichts zu beachten: Er verbindet persönliche Fälle, Laborbefunde und Einschätzungen zweier Fachleute, ist aber keine kontrollierte Studie. Auch die Zahlen stammen aus den USA und können nicht unmittelbar auf Deutschland übertragen werden. Nährwertangaben auf Proteinprodukten zeigen zudem lediglich den enthaltenen Eiweißanteil – sie bestimmen nicht, welche Gesamtmenge für eine einzelne Person angemessen ist.
Wie beurteilen Sie den Trend zu immer proteinreicheren Lebensmitteln und Ernährungskonzepten wie Proteinmaxxing?






























