Eine neue Untersuchung des altägyptischen Grabes TT 209 gegenüber von Luxor zeichnet nach, wie ein Bestattungsraum über Jahrhunderte hinweg genutzt und neu geordnet wurde. Forschende der Universität La Laguna analysierten Kammer 3, die zwischen dem Bau des Grabes während der 25. Dynastie (754 bis 656 v. Chr.) und der ptolemäischen Zeit (305 bis 30 v. Chr.) belegt wurde. Sie dokumentierten 16 mumifizierte Menschen, einen mumifizierten Hund sowie eine gestörte Ansammlung mit den Überresten von mindestens vier weiteren Personen. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift „Frontiers in Environmental Archaeology“.
- In Kammer 3 identifizierte das Team neun einzelne oder gemeinsame Bestattungsdepots.
- Frühe Bestattungen erfolgten mit Särgen und kostspieligen Grabbeigaben.
- Später wurden Körper dichter und teilweise übereinander angeordnet.
- Vier Mumien und ein mumifizierter Hund stammen aus der ptolemäischen Belegungsphase.
Neun Bestattungsdepots zeigen eine schrittweise Verdichtung
Für die Rekonstruktion legte das Team die Kammer frei, fotografierte die Mumien und fertigte Skizzen sowie Beschreibungen ihrer Lage und Ausrichtung an. Auch die Beziehung der Körper zu den baulichen Strukturen des Grabes wurde erfasst. Eine solche räumliche Analyse hilft in der Archäologie, mögliche Abfolgen zu erkennen: Entscheidend ist nicht allein, welche Überreste vorhanden sind, sondern auch, wie spätere Niederlegungen auf bereits belegte Bereiche Rücksicht nahmen.
Die frühesten Toten lagen vergleichsweise getrennt voneinander und waren in Särgen bestattet. Grabnetze, Amulette und kostspielige Beigaben, darunter Inhalte aus zahlreichen phönizischen Amphoren, deuten nach Einschätzung der Forschenden auf einen hohen sozialen Rang dieser Personen hin.
Gegen Ende der 25. Dynastie und während der persischen Epoche, die die Studie mit etwa 680 bis 404 v. Chr. angibt, änderte sich die Raumnutzung. Neue Bestattungen füllten zunehmend noch verfügbare Stellen. Dabei veränderte sich teilweise auch die Haltung der Gliedmaßen: Während die Arme früher üblicherweise ausgestreckt waren, wurde beispielsweise ein Arm später angewinkelt.
In zwei Dritteln der Bestattungen fanden die Forschenden übereinanderliegende Körper – für das Team jedoch kein Zeichen einer wahllosen Ablage.
Statt eines Verlusts ritueller Ordnung erkennen die Autoren eine Anpassung an die bereits vorhandenen Toten. Jede neue Niederlegung habe sich räumlich auf frühere Bestattungen bezogen. Das Grab TT 209 wurde demnach nicht einfach immer voller, sondern mit jeder Nutzung neu organisiert.
Ein mumifizierter Hund könnte eine doppelte Bedeutung haben
Besonders auffällig ist eine ptolemäische Bestattung im südöstlichen Teil der Kammer. Dort lagen vier Mumien und ein mumifizierter Hund übereinander. Die menschlichen Körper befanden sich nicht in Särgen, waren den Forschenden zufolge aber sorgfältig mumifiziert. Aufrecht stehende Gefäße weisen zudem auf ein Ritual hin, das in den früheren Nutzungsphasen nicht vorkam.
Der Hund lag unmittelbar auf den Mumien eines Mannes und einer Frau. Nach Ansicht des Erstautors Jared Carballo-Pérez könnte dies auf eine enge Beziehung zwischen den Menschen und dem Tier hindeuten. Der Ägyptologe Miguel Ángel Molinero Polo nennt als weitere Möglichkeit eine symbolische Rolle des Hundes als Begleiter auf dem Weg ins Jenseits. Beide Deutungen bleiben Interpretationen; die genaue Bedeutung lässt sich aus der Anordnung allein nicht sicher bestimmen.
Auch die Körperhaltung wandelte sich. In späteren Depots lagen Personen mit beiden Armen über der Brust verschränkt. Ägyptologen bezeichnen dies als osirische Position. Zusammen mit den Gefäßen und der vertikalen Anordnung spricht dieser Befund nach Auffassung des Teams für veränderte Rituale und nicht für deren Verschwinden.
Überflutungen und Brände erschweren die genaue Abfolge
Die Rekonstruktion hat Grenzen. Während der langen Nutzung wurde die Kammer mehrfach überflutet; außerdem kam es zu Bränden und späteren menschlichen Zutritten. Dadurch gelangten Trümmer und Überreste an andere Stellen. Bei einigen Depots können die Forschenden deshalb weder die genaue Reihenfolge noch die ursprüngliche Absicht hinter jeder Niederlegung bestimmen.
Die Ergebnisse bedeuten, dass vermeintlich ungeordnete Ansammlungen in wiederverwendeten Gräbern künftig genauer auf räumliche Regeln und bewusste Anpassungen geprüft werden sollten.
Dieser Ansatz ist auch für die Einordnung anderer Anlagen in der Thebanischen Nekropole relevant, die mehr als 400 Gräber umfasst. Wiederverwendung bedeutet hier nicht, dass ein einmal verschlossener Raum lediglich erneut geöffnet wurde. Vielmehr konnte jede Belegung die Bedeutung des vorhandenen Bestattungsraums verändern, ohne seine Vergangenheit vollständig auszulöschen.
Welche Deutung überzeugt Sie mehr: der Hund als persönlicher Begleiter oder als symbolischer Helfer für das Jenseits?






























